Glossar: Vietnamesische Rechts- und Wirtschaftsbegriffe für deutsche Investoren

Gesellschaftsrecht und Unternehmensformen
Ist das Charter Capital dasselbe wie das Stammkapital einer GmbH?
Charter Capital (Stammkapital nach vietnamesischem Recht)
VN: vốn điều lệ
Beobachtung: In deutschsprachigen Quellen wird Charter Capital häufig als „Stammkapital“ wiedergegeben; bei einer JSC erscheinen daneben „Grundkapital“ und „Aktienkapital“.
Verständnishilfe: Als erste Annäherung erfüllt Charter Capital eine vergleichbare Ordnungsfunktion: Es bezeichnet den bei Gründung oder späterer Änderung gesellschaftsrechtlich festgelegten Kapitalbetrag, der den Beteiligungsquoten und den kapitalbezogenen Rechten zugrunde liegt.
Abgrenzung: Die Rechtsfolgen dürfen nicht aus deutschem Kapitalgesellschaftsrecht übertragen werden. Einlagefrist, Kapitalanpassung, Minderkapitalisierung und sektorale Mindestkapitalanforderungen folgen eigenständigen vietnamesischen Regeln.
Vietnamesisches Recht: Charter Capital ist der Gesamtwert der von Eigentümer bzw. Mitgliedern eingebrachten oder verbindlich zugesagten Vermögenswerte; bei einer JSC entspricht es grundsätzlich dem Gesamtnennwert der ausgegebenen bzw. bei Gründung gezeichneten Aktien nach der gesetzlichen Definition. Für Unternehmen allgemein besteht kein einheitliches gesetzliches Mindestkapital. Bestimmte regulierte Tätigkeiten können jedoch ein Mindest- oder Rechtskapital, eine Kaution oder andere finanzielle Voraussetzungen verlangen. Bei LLCs und bei der Gründung einer JSC gilt regelmäßig eine 90-Tage-Frist für die Kapitalleistung. Wird das zugesagte Kapital nicht vollständig erbracht, greifen gesetzliche Anpassungs-, Haftungs- und Registrierungspflichten.
Einordnung für deutsche Investoren: Charter Capital ist nicht nur eine Registrierungszahl. Es beeinflusst Beteiligungsquoten, Kapitalplanung, Finanzierungsstruktur, FDI-Registrierung und häufig die Plausibilitätsprüfung des Projekts durch Behörden und Banken.
Rechtsgrundlagen: Unternehmensgesetz Nr. 59/2020/QH14 in geltender Fassung, insbesondere Art. 4, 47, 75 und 113; sektorale Spezialgesetze je Tätigkeit.
Stand 04.09.2026; allgemeine Information zum vietnamesischen Recht, keine Rechtsberatung. Verantwortlich: Vu Manh Quynh, in Vietnam zugelassener Rechtsanwalt (Luật sư), ECOVIS Vietnam Law.
Mehr dazu: German Desk Vietnam
Welche Rechtswirkung hat das Firmen- oder Unternehmenssiegel in Vietnam?
Company Seal (Firmensiegel — im Sprachgebrauch auch Firmenstempel)
VN: con dấu
Beobachtung: Deutschsprachige Quellen sprechen von „Firmensiegel“, „Firmenstempel“ oder „Unternehmensstempel“.
Verständnishilfe: Diese Begriffe treffen die äußere Funktion, dürfen aber nicht mit der früher verbreiteten Vorstellung gleichgesetzt werden, jede wichtige Unternehmenshandlung werde erst durch einen Stempel wirksam.
Hat der vietnamesische Firmenstempel eine Entsprechung im deutschen Recht?
Abgrenzung: Das Siegel ist heute kein allgemeines konstitutives Element der Vertretungsmacht. Ob ein Siegel oder eine digitale Signatur in einem bestimmten Verfahren oder Dokument erforderlich ist, ergibt sich aus Spezialrecht, Verfahrensvorgaben und den internen Regeln des Unternehmens.
Vietnamesisches Recht: Art. 43 des Unternehmensgesetzes erfasst sowohl ein physisch hergestelltes Siegel als auch eine digitale Signatur im Sinne des Rechts über elektronische Transaktionen. Das Unternehmen entscheidet grundsätzlich selbst über Art, Anzahl, Form und Inhalt seiner Siegel. Verwaltung und Aufbewahrung richten sich nach Charter oder internen Regeln. Das Unternehmen verwendet das Siegel in den Fällen und Transaktionen, in denen das anwendbare Recht dies vorsieht. Die Vertretungsbefugnis einer Person folgt dagegen aus Gesetz, Charter, Registerstellung oder wirksamer Vollmacht und nicht allein aus dem Besitz des Stempels.
Einordnung für deutsche Investoren: In Vertrags- und Signing-Matrizen sind Unterschriftsbefugnis, digitale Signatur und Firmenstempel getrennte Fragen. Ein interner „seal control process“ bleibt sinnvoll, ersetzt aber keine Vertretungsprüfung.
Rechtsgrundlagen: Unternehmensgesetz Nr. 59/2020/QH14 in geltender Fassung, Art. 43; Gesetz über elektronische Transaktionen Nr. 20/2023/QH15.
Stand 04.09.2026; allgemeine Information zum vietnamesischen Recht, keine Rechtsberatung. Verantwortlich: Vu Manh Quynh, in Vietnam zugelassener Rechtsanwalt (Luật sư), ECOVIS Vietnam Law.
Vertretung, Organe und Compliance
Entspricht der Legal Representative dem gesetzlichen Vertreter nach deutschem Recht?
Legal Representative (gesetzlicher Vertreter nach vietnamesischem Recht)
VN: người đại diện theo pháp luật
Beobachtung: In deutschsprachigen Quellen wird der Begriff regelmäßig als „gesetzlicher Vertreter“ wiedergegeben.
Verständnishilfe: Als erste Annäherung ist der Vergleich funktional brauchbar: Es handelt sich um die natürliche Person, die das Unternehmen im gesetzlich vorgesehenen Umfang nach außen vertritt und es unter anderem in Transaktionen, vor Gerichten und Schiedsgerichten repräsentiert.
Abgrenzung: Zahl, interne Aufgabenverteilung, Aufenthaltspflichten und gesetzliche Auffangregeln unterscheiden sich. Insbesondere darf aus einer internen Kompetenzmatrix nicht ohne Weiteres auf die Unwirksamkeit eines Geschäfts gegenüber Dritten geschlossen werden.
Vietnamesisches Recht: Art. 12 des Unternehmensgesetzes erlaubt LLCs und JSCs einen oder mehrere Legal Representatives. Der Charter muss Zahl, Management Titles sowie Rechte und Pflichten dieser Personen festlegen. Sind mehrere Legal Representatives bestellt und enthält der Charter keine eindeutige Kompetenzverteilung, ist grundsätzlich jeder von ihnen gegenüber Dritten voll vertretungsbefugt; die Vertreter haften gegenüber der Gesellschaft nach der gesetzlichen Auffangregel gemeinsam für hieraus entstehende Schäden. Das Unternehmen muss grundsätzlich jederzeit mindestens einen in Vietnam ansässigen Legal Representative haben. Ist nur eine Person bestellt und verlässt diese Vietnam, greifen die gesetzlichen Regeln zur schriftlichen Bevollmächtigung und gegebenenfalls zur Ersatzbestellung. Die gesetzlichen Vertreter unterliegen eigenen Sorgfalts-, Loyalitäts- und Haftungspflichten.
Einordnung für deutsche Investoren: Die Corporate Governance unterscheidet zwischen äußerer Vertretungsmacht und internen Approval Limits. Konzernfreigaben, Bankmandate und Vertragsgrenzen lassen sich so gestalten, dass interne Kontrollziele erreicht werden, ohne eine nicht bestehende Drittwirkung zu unterstellen.
Rechtsgrundlagen: Unternehmensgesetz Nr. 59/2020/QH14, insbesondere Art. 12–13, in der durch Law 76/2025/QH15 geänderten Fassung.
Stand 04.09.2026; allgemeine Information zum vietnamesischen Recht, keine Rechtsberatung. Verantwortlich: Vu Manh Quynh, in Vietnam zugelassener Rechtsanwalt (Luật sư), ECOVIS Vietnam Law.
Mehr dazu: Vu Manh Quynh — Managing Partner
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