Zum Inhalt springen
ECOVIS Vietnam Law Erstgespräch anfragen

Produktionsverlagerung von China nach Vietnam: rechtlicher Fahrplan für deutsche Hersteller

Technicians in ESD cleanroom suits inspecting a circuit board in an electronics factory in Vietnam (AI-generated illustration)

Zusammenfassung: Rechtlicher Fahrplan für deutsche Hersteller, die ihre Produktion von China nach Vietnam verlagern — von der Abstimmung zwischen chinesischer und vietnamesischer Gesellschaft über die Verfahren für IRC und ERC, die Übertragung von Anlagen und geistigem Eigentum, den Umzug von Maschinen und den Personalübergang bis zur zollrechtlichen Strukturierung als EPE sowie zu den häufigsten rechtlichen Fehlern bei solchen Verlagerungsprojekten.

Von Rechtsanwalt (Vietnam) Vu Manh Quynh
Managing Partner, ECOVIS Vietnam Law
Zuletzt geprüft: Oktober 2026 | English version

Dieser Fahrplan konzentriert sich auf die Umsetzung; die strategischen und wirtschaftlichen Gründe für eine Diversifizierung behandelt unsere Analyse zur China-plus-eins-Strategie in Vietnam. Siehe auch: Fahrplan zur Werksgründung Schritt für Schritt.

Produktionsverlagerung ist ein mehrdimensionales Rechtsprojekt

Für deutsche Hersteller, die bereits in China produzieren und ihre Fertigung nach Vietnam verlagern oder dort diversifizieren wollen, geht der Übergang weit über die Gründung einer neuen Gesellschaft hinaus. Es handelt sich um ein rechtliches, steuerliches und operatives Projekt über mehrere Rechtsordnungen hinweg, das eine klare Reihenfolge braucht.

Unternehmen, die die Verlagerung von China nach Vietnam vor allem als Logistik- und Beschaffungsthema behandeln, stoßen regelmäßig auf vermeidbare rechtliche und regulatorische Komplikationen, die den Zeitplan verzögern und die Umsetzungskosten erhöhen.

Phase 1 — Strategisches und rechtliches Strukturdesign

Verhältnis zwischen chinesischer und vietnamesischer Gesellschaft

Die erste rechtliche Frage lautet, wie die vietnamesische Gesellschaft innerhalb der Konzernstruktur zur bestehenden chinesischen Einheit steht. Übliche Konstellationen sind:

  • Eigenständige vietnamesische Tochter der deutschen Muttergesellschaft: klare rechtliche Trennung, direkte Berichtslinie an die Zentrale in Deutschland.
  • Vietnamesische Tochter der chinesischen Holdinggesellschaft: schafft grenzüberschreitende Beziehungen zwischen nahestehenden Personen und damit Komplexität bei Verrechnungspreisen, Quellensteuern und Governance.
  • Regionale Holdingstruktur (Singapur, Niederlande oder ein anderer Holdingstandort): üblich, wenn die Gruppe eine breitere Fertigungsplattform im asiatisch-pazifischen Raum aufbaut und Vietnam einer von mehreren Standorten ist.

Die Strukturwahl wirkt sich langfristig erheblich auf die Steuereffizienz, die Anforderungen an die Verrechnungspreisdokumentation, die Inhaberschaft und Lizenzierung von geistigem Eigentum sowie die Corporate Governance aus.

Geistiges Eigentum und Technologietransfer

Für deutsche Hersteller mit eigenen Fertigungsverfahren, Maschinenspezifikationen oder Produkttechnologien ist der Schutz geistigen Eigentums in Vietnam ein zentrales Anliegen. Wichtig sind:

  • Vietnam ist Vertragsstaat der Pariser Verbandsübereinkunft und des TRIPS-Abkommens — ein formaler Schutzrahmen besteht.
  • Der praktische Schutz in der Fertigung hängt maßgeblich von Vertraulichkeitspflichten in Arbeitsverträgen, Geheimhaltungsvereinbarungen mit dem vietnamesischen Management und betrieblichen Sicherheitsvorkehrungen ab.
  • Technologielizenzen zwischen deutscher Muttergesellschaft und vietnamesischer Tochter müssen sorgfältig strukturiert werden, um die vietnamesischen Vorschriften zur Lizenzierung geistigen Eigentums und die Verrechnungspreisregeln einzuhalten.

Phase 2 — Investitionsgenehmigung in Vietnam

Investitionsregistrierungszertifikat (IRC)

Ausländische Fertigungsinvestitionen in Vietnam benötigen ein Investitionsregistrierungszertifikat (Investment Registration Certificate, IRC). Für Projekte in Industriezonen stellt in der Regel der Verwaltungsrat der Zone das IRC aus. Für Projekte außerhalb von Industriezonen ist das Finanzdepartement der Provinz (Department of Finance) zuständig, das die Investitionsregistrierung vom früheren Department of Planning and Investment (DPI) übernommen hat (Gesetz Nr. 143/2025/QH15, Art. 27 Abs. 2).

Der IRC-Antrag erfordert Angaben zu Projektumfang, Investitionskapital, Geschäftszweck und Flächennutzung sowie — in bestimmten Branchen — Vorabgenehmigungen der zuständigen Fachbehörden.

Unternehmensregistrierungszertifikat (ERC)

Mit dem Unternehmensregistrierungszertifikat (Enterprise Registration Certificate, ERC) entsteht die Gesellschaft als juristische Person mit Stammkapital, Governance-Struktur und gesetzlichen Vertretern. Der klassische Weg ist weiterhin: erst IRC, dann ERC. Seit dem 1. März 2026 kann ein ausländischer Investor die Gesellschaft aber auch zuerst gründen, sofern er bei der Gründung die Marktzugangsbedingungen für ausländische Investoren erfüllt (Gesetz Nr. 143/2025/QH15, Art. 19 Abs. 2); das IRC-Verfahren ist dann innerhalb von 12 Monaten durchzuführen, und das Projekt darf erst nach Erteilung des IRC umgesetzt werden (Verordnung Nr. 96/2026/NĐ-CP, Art. 72 Abs. 4). Welche Reihenfolge passt, ist eine Strukturierungsentscheidung.

Branchenspezifische Genehmigungen

Bestimmte Fertigungsbranchen benötigen zusätzlich zu IRC und ERC weitere Genehmigungen:

  • Lebensmittelverarbeitung: Lebensmittelsicherheitsgenehmigungen des Gesundheits- bzw. Landwirtschaftsministeriums.
  • Chemische Produktion: Lizenz für den Chemikalienhandel des Ministeriums für Industrie und Handel.
  • Medizinprodukte: Registrierung beim Gesundheitsministerium.
  • Elektronik und Hightech-Fertigung: in ausgewiesenen Hightech-Zonen Anforderungen an die Technologiebewertung.

Phase 3 — Betriebsaufbau und Compliance

Konzerninterne Liefervereinbarungen

Deutsche Hersteller, die während der Übergangszeit parallel in China und Vietnam produzieren, brauchen klar formulierte konzerninterne Verträge zu:

  • Lieferung von Komponenten oder Rohstoffen von China nach Vietnam (oder umgekehrt),
  • einer Preisbildung, die den Verrechnungspreisregeln beider Rechtsordnungen entspricht,
  • Qualitätsstandards und Lieferpflichten,
  • Lizenzbedingungen für geistiges Eigentum.

Für Geschäfte zwischen nahestehenden Personen ist in Vietnam eine Verrechnungspreisdokumentation erforderlich; maßgeblich ist seit dem 1. Juli 2026 die Verordnung Nr. 255/2026/NĐ-CP, die die frühere Verordnung Nr. 132/2020/NĐ-CP ersetzt hat. Deutsche Hersteller mit bestehendem Verrechnungspreissystem müssen dieses auf die vietnamesische Gesellschaft ausdehnen.

Zoll- und Importplanung

Viele deutsche Hersteller wollen bei der Verlagerung aus China Maschinen, Anlagen, Fertigungslinien oder Werkzeuge nach Vietnam einführen. Die zollrechtliche Behandlung dieser Güter — zollfreie Einfuhr als Kapitaleinlage, Präferenzzölle nach Handelsabkommen oder volle Zollpflicht — muss vorab geplant werden.

Der Status als Export Processing Enterprise (EPE), der vollständig exportorientierten Herstellern offensteht, bietet den umfassendsten zollrechtlichen Vorteil: Befreiung bei eingeführten Vorleistungen und Umsatzsteuersatz von null auf exportierte Erzeugnisse. Die EPE-Registrierung ist vom IRC/ERC-Verfahren getrennt und mit besonderen betrieblichen Auflagen verbunden.

Arbeitsrechtliche Compliance

Das vietnamesische Arbeitsgesetzbuch 2019 und seine Durchführungsvorschriften regeln die Arbeitsverhältnisse in vietnamesischen Fertigungsgesellschaften. Unterschiede zum chinesischen Arbeitsrecht, auf die deutsche Arbeitgeber häufig stoßen:

  • Begrenzung der Probezeit und Erfordernis schriftlicher Probezeitvereinbarungen,
  • verpflichtende Konsultation der Gewerkschaft bei internen Arbeitsordnungen,
  • Beitragsstrukturen und Anmeldepflichten für Sozial-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung,
  • Arbeitserlaubnispflichten und Befreiungen für ausländische Mitarbeiter (siehe Arbeitserlaubnis und TRC für ausländische Führungskräfte),
  • Urlaubsansprüche und gesetzliche Leistungen.

Zeitplan

Ein realistischer Zeitrahmen für eine neue Greenfield-Fertigungsgesellschaft in Vietnam, von der ersten Standortwahl bis zur ersten Produktion, liegt je nach Projektkomplexität, branchenspezifischen Genehmigungen und Bauzeit typischerweise bei 12 bis 24 Monaten. Allein die Genehmigungsphase (vom IRC bis zu den Betriebsgenehmigungen) dauert typischerweise 3 bis 9 Monate.

Deutsche Hersteller sollten diese Zeiträume in ihre Übergangsplanung einbauen und mit den Lieferzusagen gegenüber ihren Kunden abstimmen.

Die Phase des Parallelbetriebs steuern

Die Zeit, in der chinesischer und vietnamesischer Betrieb gleichzeitig laufen, ist rechtlich und operativ anspruchsvoll. Eine klare Dokumentation der konzerninternen Ströme, der Verrechnungspreispositionen und der operativen Zuständigkeiten beider Gesellschaften ist in dieser Phase unerlässlich — für die interne Governance ebenso wie für die regulatorische Compliance in beiden Rechtsordnungen.

Praktische Empfehlungen

  • Vietnamesische Rechtsberatung bereits in der Phase des Strukturdesigns einbinden — bevor Industriezone und Genehmigungsanträge feststehen.
  • Früh eine Verrechnungspreis-Prüfung durchführen — die vietnamesischen Verrechnungspreisregeln gelten ab dem ersten Jahr mit Geschäften zwischen nahestehenden Personen.
  • Die EPE-Eignung prüfen, bevor die Investitionsstruktur feststeht — die steuerlichen und zollrechtlichen Vorteile sind für exportorientierte Hersteller erheblich.
  • Den arbeitsrechtlichen Rahmen vor der ersten Einstellung festlegen — nachträgliche Korrekturen kosten mehr als ein korrekter Start.
  • Die Anforderungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) von Anfang an in die Betriebsorganisation der vietnamesischen Gesellschaft einbauen (siehe LkSG und vietnamesische Lieferanten).

Häufige Fragen

Wie lange dauert eine Produktionsverlagerung von China nach Vietnam?

Für eine neue Greenfield-Fertigungsgesellschaft sind von der Standortwahl bis zur ersten Produktion typischerweise 12 bis 24 Monate realistisch; allein die Genehmigungsphase vom IRC bis zu den Betriebsgenehmigungen dauert meist 3 bis 9 Monate.

Sollte die vietnamesische Gesellschaft der deutschen Mutter oder der chinesischen Einheit gehören?

Beides ist möglich. Eine direkte Tochter der deutschen Muttergesellschaft schafft eine klare Trennung; eine Tochter der chinesischen Holding erzeugt grenzüberschreitende Beziehungen zwischen nahestehenden Personen mit zusätzlicher Komplexität bei Verrechnungspreisen, Quellensteuern und Governance. Die Wahl sollte vor dem Genehmigungsantrag getroffen werden.

Muss das IRC immer vor dem ERC erteilt werden?

Nein. Der klassische Weg ist weiterhin IRC vor ERC, seit dem 1. März 2026 kann ein ausländischer Investor die Gesellschaft aber auch zuerst gründen, wenn er die Marktzugangsbedingungen erfüllt; das IRC ist dann innerhalb von 12 Monaten zu beantragen, und das Projekt darf erst danach umgesetzt werden.

Lohnt sich der EPE-Status bei einer Verlagerung aus China?

Für vollständig exportorientierte Hersteller häufig ja: Eingeführte Vorleistungen sind befreit, auf exportierte Erzeugnisse gilt ein Umsatzsteuersatz von null. Die EPE-Registrierung ist aber vom IRC/ERC-Verfahren getrennt und mit betrieblichen Auflagen verbunden, deshalb sollte die Eignung vor der Strukturentscheidung geprüft werden.

Haftungsausschluss

Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Rechts-, Steuer- oder sonstige Fachberatung dar. Investoren sollten eine auf Branche, Beteiligungsstruktur und Investitionsstandort in Vietnam zugeschnittene Beratung einholen. Fragen des deutschen Rechts — insbesondere zum LkSG, zum deutschen Steuer- und Außensteuerrecht sowie zum Arbeitsrecht der Entsendung — sollten von einem in Deutschland zugelassenen Rechtsanwalt bzw. Steuerberater geprüft werden.

Konkreter Fall? Sprechen Sie mit uns.

Schildern Sie uns Ihre Situation und Ihre Frist. Ein Partner sagt Ihnen, welcher Weg gilt und was auf dem kritischen Pfad liegt.

30-minütiges Gespräch vereinbaren   German Desk

Konkreter Fall? Sprechen Sie mit uns.

Schildern Sie Sachverhalt und Frist. Ein Partner sagt Ihnen, welcher Weg gilt und was auf dem kritischen Pfad liegt.

30-minütiges Gespräch vereinbaren Weitere Leistungsbereiche
Erstgespräch anfragen Anrufen