Kernaussagen
- Steigende Handelsvolumina zeigen wirtschaftliche Verflechtung, aber noch nicht, wie viel Wertschöpfung und technologische Kompetenz in Vietnam verbleiben.
- Die vom vietnamesischen Parlament beschlossenen Investitionsgrundsätze eröffnen einen potenziellen Markt; sie sind weder Projektaufträge noch Beschaffungszusagen an deutsche Anbieter.
- Die Tiefe des Technologietransfers entscheidet sich in Lizenz-, Know-how- und IP-Vereinbarungen sowie in der Fähigkeit des Partners, Wissen praktisch anzuwenden.
- Der EVFTA-Zollabbau erreicht 2027 einen wichtigen Meilenstein; Ursprungsregeln, Standards und Sorgfaltspflichten bleiben relevant.
Die entscheidende Frage für Geschäftsführung und CFO lautet nicht allein, ob Vietnam als Absatz- oder Produktionsstandort wächst. Sie lautet, ob sich daraus belastbare industrielle Strukturen entwickeln: qualifizierte Zulieferer, technische Eigenständigkeit, verlässliche Betriebsabläufe und wirtschaftlich tragfähige Partnerschaften.
Das German Business & Investment Forum am 13. Oktober 2026 in Ho-Chi-Minh-Stadt bot Anlass, diese Frage zu stellen. Die Diskussionen über Infrastruktur, industrielle Modernisierung, Technologie und Fachkräfte weisen auf eine Zusammenarbeit hin, deren Qualität sich an der Umsetzung messen lassen muss.
1. Wirtschaftliche Ergänzung schafft Chancen, aber keine automatische Balance
Der bilaterale Handel erreichte 2024 nach vorläufigen Destatis-Daten 18,8 Mrd. €; deutschen Einfuhren von 15,1 Mrd. € standen Ausfuhren von 3,7 Mrd. € gegenüber. Für 2025 nennt das Auswärtige Amt ein Handelsvolumen von mehr als 21 Mrd. €.
Aus dem Handelsungleichgewicht lässt sich jedoch nicht unmittelbar auf die Verteilung des wirtschaftlichen Nutzens schließen. Vietnamesische Exporte enthalten importierte Komponenten, Vorleistungen und ausländische Technologie. Bruttowerte bilden deshalb nur einen Teil der tatsächlichen Wertschöpfung ab.
Deutschland steht vor Herausforderungen bei industrieller Wettbewerbsfähigkeit, Energiekosten, Demografie und Lieferkettendiversifizierung. Vietnam benötigt Produktivitätsfortschritte, Infrastruktur und leistungsfähigere heimische Unternehmen. Deutsche Ingenieurkompetenz und Vietnams wachsende industrielle Basis ergänzen sich. Ob daraus dauerhafter Nutzen entsteht, hängt von Beteiligungsstrukturen, Verträgen, Qualifikation und wirtschaftlichen Anreizen ab.
Für Unternehmen ist damit die Qualität der Einbindung wichtiger als die bloße Präsenz im Markt. Ein Standort kann Produktionsvolumen aufnehmen, ohne zugleich die technischen und organisatorischen Fähigkeiten eines belastbaren Industriepartners zu entwickeln.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Bewerten Sie den Standort anhand der Wertschöpfung, die Ihr Geschäftsmodell dort tatsächlich aufbauen und dauerhaft nutzen kann.
2. Infrastruktur: Potenzieller Markt und industriepolitische Aufgabe
Die Nord–Süd-Hochgeschwindigkeitsbahn umfasst rund 1.541 km; die vorläufige Gesamtinvestition beträgt 1.713.548 Mrd. VND, entsprechend rund 67,34 Mrd. USD. Grundlage ist die Resolution 172/2024/QH15 vom 30. November 2024.
Bei der Bahnverbindung Lao Cai–Hanoi–Hai Phong setzte die Resolution 187/2025/QH15 vom 19. Februar 2025 die vorläufige Gesamtinvestition zunächst auf 203.231 Mrd. VND fest. Die Resolution 40/2026/QH16 vom 24. August 2026 erhöhte sie auf 289.339 Mrd. VND und passte die Streckenlängen auf rund 363 km Hauptstrecke und 63 km Nebenstrecken an.
Diese Beträge beschreiben vom Parlament beschlossene Investitionsgrundsätze mit vorläufigen Investitionssummen. Sie sind weder gesicherte Auftragsvolumina für deutsche Unternehmen noch Beschaffungszusagen.
Für den Mittelstand reichen mögliche Ansatzpunkte von Präzisionstechnik und Automatisierung bis zu Signaltechnik, elektrischer Ausrüstung, Messtechnik und Instandhaltung. Deutsche Anbieter stehen dabei im Wettbewerb mit japanischen, koreanischen, chinesischen, französischen und weiteren Unternehmen. Technologie, Finanzierung und Lieferkettenkompetenz wirken zusammen.
Für Vietnam kommt es zusätzlich darauf an, ob lokale Unternehmen qualifizierte industrielle Aufgaben übernehmen. Beschränkt sich ihre Beteiligung auf Bauleistungen und Tätigkeiten mit geringer Wertschöpfung, kann der Kompetenzgewinn hinter dem Investitionsvolumen zurückbleiben. Ein großes Projektbudget ist deshalb noch kein Beleg für industrielle Vertiefung.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Trennen Sie in Ihrer Marktplanung das politische Investitionsvolumen von erreichbaren Aufträgen und Ihrer konkreten Rolle in der Lieferkette.
3. Technologietransfer: Zugang ist noch keine eigenständige Fähigkeit
„Technologietransfer“ kann Maschinenlieferung, Bedienerschulung, technische Dokumentation, Lizenzen oder die Befähigung zur eigenständigen Weiterentwicklung bezeichnen. Diese Leistungen sind wirtschaftlich und rechtlich unterschiedlich.
Siemens Mobility und VinSpeed vereinbarten im Dezember 2025 eine strategische Zusammenarbeit und Technologietransfer für den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Am 22. September 2026 folgte die Bekanntgabe eines schlüsselfertigen Vertrags über bis zu 1 Mrd. € für Hanoi–Quang Ninh und Ben Thanh–Can Gio.
VinSpeed übernimmt Projektentwicklung, Gleisbau und Bauarbeiten; Siemens Mobility liefert Züge sowie Signal-, Elektrifizierungs- und Kommunikationssysteme. Diese Strecken sind von den zuvor beschriebenen national genehmigten Bahnvorhaben zu unterscheiden.
Der Vertrag belegt eine kommerzielle Verpflichtung zur Lieferung und Integration deutscher Bahntechnik. Er belegt für sich genommen keine Übertragung des Eigentums an zentralem geistigem Eigentum von Siemens. Dafür sind die zugrunde liegenden Vereinbarungen maßgeblich.
Fraunhofer ENAS und Becamex IDC schlossen nach einer Absichtserklärung vom August 2024 im April 2025 eine Kooperationsvereinbarung mit Plänen für ein gemeinsames Forschungs- und Entwicklungszentrum für Mikroelektronik und Nanotechnologie in Binh Duong.
Die Beispiele zeigen konkrete Zusammenarbeit. Zugleich bleibt der Unterschied zwischen Technologiezugang und der Fähigkeit, Technologie selbstständig zu verbessern, nachzubilden oder zu vermarkten. Schutzinteressen deutscher Unternehmen und Aufnahmefähigkeit vietnamesischer Partner müssen gemeinsam berücksichtigt werden.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Definieren Sie vorab, ob Ihre Kooperation Betriebskompetenz, Fertigungswissen oder eigenständige Entwicklung ermöglichen soll.
4. Die strukturelle Herausforderung: Begrenzte lokale Wertschöpfung
Nach der OECD entfallen 48 % der Wertschöpfung vietnamesischer Exporte auf ausländische Vorleistungen; ausländisch kontrollierte Unternehmen bestreiten nahezu drei Viertel der gesamten Exporte.
Diese gesamtwirtschaftlichen Indikatoren messen nicht speziell deutsche Investitionen. Sie verdeutlichen aber, warum die Einbindung in internationale Produktionsnetzwerke nicht automatisch entsprechende technologische Fähigkeiten im Inland schafft. Die OECD sieht darin eine Begrenzung möglicher Produktivitätsimpulse.
Investitionsanreize allein lösen dieses Problem nicht. Heimische Unternehmen benötigen Kapital, anerkannte Qualitätsnachweise, technische Ausbildung und Zugang zu Forschungskooperationen. Ausländische Abnehmer brauchen gleichzeitig konkurrenzfähige Qualität, Lieferzuverlässigkeit, wirtschaftliche Kosten und Schutz vertraulicher Informationen.
Joint Ventures, Zuliefererprogramme, Auftragsfertigung, Technologielizenzen und gemeinsame Forschung bieten unterschiedliche Wege. Welche Struktur passt, hängt von Technologie, Eigentumsverhältnissen, Geschäftszielen und Risikoverteilung ab. Lokalisierung muss deshalb mehr leisten als eine formale Quote: Sie muss technisch funktionieren und kaufmännisch tragfähig sein.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Behandeln Sie den Aufbau lokaler Zulieferer als betriebliche Entwicklungsaufgabe mit Qualitäts-, Ressourcen- und Wirtschaftlichkeitsanforderungen.
5. Verträge bestimmen die Tiefe der Zusammenarbeit
Absichtserklärungen können eine Kooperation anstoßen. Den tatsächlichen Wissenszugang regeln jedoch die Vereinbarungen über Lizenzen, Know-how, Ingenieurleistungen, Fertigung und geistiges Eigentum.
Welche technischen Informationen werden für welchen Zweck bereitgestellt? Erhält der Partner lediglich Betriebszugang oder auch Fertigungs- und Änderungsrechte? Wem gehören gemeinsam entwickelte Verbesserungen? Welche Unterstützung besteht nach der Inbetriebnahme fort? Wie werden Vertraulichkeit und IP geschützt?
Diese Fragen betreffen nicht nur juristische Absicherung. Sie bestimmen, ob eine Anlage dauerhaft betrieben, gewartet und weiterentwickelt werden kann und welche Abhängigkeiten bestehen bleiben.
Bei Infrastrukturprojekten lassen sich Ziele der Kompetenzentwicklung durch überprüfbare Leistungsanforderungen konkretisieren: Schulungs- und Zertifizierungsschritte, lokale Wartungsfähigkeit, technische Dokumentation, Lieferantenqualifizierung sowie klar abgegrenzte Nutzungsrechte.
Ein vorrangig auf erzwungene Offenlegung ausgerichteter Ansatz kann Anbieter abschrecken oder Kosten erhöhen. Eine Beschaffung ohne Blick auf lokale Kompetenz kann dagegen langfristige Abhängigkeit festigen. Tragfähige Projektgestaltung muss beide Risiken berücksichtigen, ohne den Schutz proprietärer Technologie mit einer Ablehnung jeder Wissensvermittlung gleichzusetzen.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Übersetzen Sie allgemeine Transferziele in klar abgegrenzte Leistungen, Verantwortlichkeiten und überprüfbare Ergebnisse.
6. Fachkräfteentwicklung: Gemeinsame Herausforderung, unterschiedliche Folgen
Vietnam verfügte 2025 über rund 53,5 Mio. Erwerbspersonen; 29,2 % besaßen formale Ausbildungsqualifikationen. Die deutsche Engpassanalyse für 2025 identifizierte 157 Engpassberufe.
Die Ausgangslagen unterscheiden sich, doch beide machen deutlich: Technik entfaltet ihren Nutzen nur mit entsprechend qualifizierten Menschen. Das deutsche duale Ausbildungssystem bietet Erfahrung mit der Verbindung von Unterricht und strukturierter betrieblicher Praxis.
Auf dem Forum verwies Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher auf akademische und technische Zusammenarbeit, darunter geplante Kooperationen in der Mechatronik zwischen der Vietnamese-German University und der Hamburg University of Applied Sciences.
Solche Ansätze reichen über Arbeitsmigration hinaus. Vietnam benötigt Techniker, Ingenieure, Instandhaltungsspezialisten und industrielle Führungskräfte für die eigene Entwicklung. Für deutsche Unternehmen unterstützt Ausbildung die Verlässlichkeit lokaler Betriebe und Zulieferernetze. Ihr wirtschaftlicher Nutzen wächst, wenn sie unmittelbar mit Anlagen, technischen Anforderungen und langfristigen Beschäftigungsperspektiven verbunden ist.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Planen Sie Qualifizierung als Bestandteil des Betriebsmodells und der technischen Umsetzung.
7. EVFTA: Marktzugang ersetzt keine Marktreife
Das EVFTA trat am 1. August 2020 in Kraft. Die EU baut Zölle auf Ursprungswaren aus Vietnam über bis zu sieben Jahre ab; 2027 wird ein wichtiger Meilenstein erreicht. Insgesamt beseitigt das Abkommen über 99 % der Zölle; für einzelne sensible Waren gelten begrenzte Zollkontingente.
Zollpräferenzen können die Wettbewerbsfähigkeit vietnamesischer Anbieter in Deutschland und der EU verbessern. Sie ersetzen jedoch weder Ursprungsnachweise noch Produktstandards, technische Konformität, Umweltanforderungen oder kaufmännische Sorgfaltsprüfung.
Für vietnamesische Unternehmen gehören Qualitätsmanagement, Produktentwicklung, internationale Vermarktung, Vertriebspartnerschaften und vertragliche Verlässlichkeit zur Marktreife. Hamburgs Rolle als europäischer Hafen- und Logistikstandort ergänzt diese Perspektive.
Für deutsche Abnehmer und Investoren folgt daraus eine praktische Unterscheidung: Ein präferenzieller Handelsrahmen verbessert die Ausgangsbedingungen, bestätigt aber nicht automatisch die Eignung eines Produkts oder Partners. Die wirtschaftliche Bewertung muss beides zusammenführen.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Prüfen Sie Zollvorteile zusammen mit Herkunft, Konformität und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit Ihrer Liefer- und Vertriebspartner.
8. Erfolg jenseits von Handels- und Investitionssummen messen
Für die Zusammenarbeit im Zeitraum 2027–2030 bleiben Handel, registrierte Direktinvestitionen und Kooperationsvereinbarungen nützliche, aber unvollständige Maßstäbe.
Zusätzlich kommt es auf folgende Ergebnisse an:
- Lokale Wertschöpfung: Welcher wirtschaftliche Beitrag entsteht in Vietnam durch industrielle Aktivitäten in deutschen Investitions- und Lieferketten?
- Zuliefererentwicklung: Erreichen vietnamesische Unternehmen anerkannte Standards und dauerhaft tragfähige Kundenbeziehungen?
- Technologische Fähigkeiten: Welche Kompetenzen in Engineering, Instandhaltung, Produktentwicklung und angewandter Forschung bleiben nach Projektabschluss bestehen?
- Internationale Wettbewerbsfähigkeit: Gewinnen vietnamesische Unternehmen Kunden durch höherwertige Leistungen statt überwiegend durch niedrige Produktionskosten?
Diese Betrachtung verändert auch die unternehmerische Erfolgskontrolle. Ein unterschriebener Vertrag ist ein Meilenstein. Ob eine Partnerschaft belastbar wird, zeigt sich im Betrieb, bei Qualitätsproblemen, in der Wartung und bei der Weiterentwicklung.
Was das für Ihr Vorhaben bedeutet: Ergänzen Sie finanzielle Projektkennzahlen um überprüfbare Ziele für Lieferantenqualität, technische Fähigkeiten und betriebliche Eigenständigkeit.
Fazit: Vom wirtschaftlichen Austausch zur gemeinsamen industriellen Fähigkeit
Deutschland braucht widerstandsfähige Lieferketten, wettbewerbsfähige Partnerschaften und Wachstumschancen. Vietnam benötigt Infrastruktur, Technologie, qualifizierte Arbeitskräfte und stärkere heimische Unternehmen.
Größere Investitionszusagen allein schaffen noch keine vertiefte industrielle Zusammenarbeit. Dafür braucht es verlässliche Institutionen, durchsetzbare Vereinbarungen, wirksamen Schutz geistigen Eigentums, technische Bildung und Unternehmen, die anspruchsvollere industrielle Aufgaben übernehmen können.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel fortgeschrittene Technologie Vietnam importiert. Sie lautet, welche dauerhaften industriellen Fähigkeiten Deutschland und Vietnam gemeinsam entwickeln.
Zum Autor
Vu Manh Quynh ist Managing Partner von ECOVIS Vietnam Law und in Vietnam zugelassener Rechtsanwalt. Er berät internationale Investoren zu ausländischen Direktinvestitionen (FDI) und Corporate Governance in Vietnam.
ECOVIS Vietnam Law berät zum vietnamesischen Recht. Die Mitgliedsfirmen von ECOVIS International sind rechtlich unabhängige Unternehmen.
Kontakt: Für ein Gespräch über die rechtliche Strukturierung Ihres Investitions- oder Kooperationsvorhabens in Vietnam kontaktieren Sie ECOVIS Vietnam Law.
Die dargestellten Einschätzungen dienen der wirtschafts- und industriepolitischen Diskussion.
Dieses Material dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Rechts-, Steuer- oder sonstige fachliche Beratung dar; Investoren sollten eine auf ihre Branche, Eigentümerstruktur und den Investitionsstandort in Vietnam zugeschnittene Beratung einholen.


